Artifizielle Konstruktion der Realität
Elke Dombrowski hat sich in ihrer Malerei der
Figuration verschrieben und damit löst sie sich aus der Innovationsspirale
der postmodernen Kunst.
Im Zentrum ihrer Bilder [aus dem Jahr 2009] steht die artifizielle Konstruktion
der Realität. Das Interesse an diesem Thema speist sich aus der
Betrachtung bewegter Situationen und unterschiedlicher Figurenkonstellationen
im gesehenen Realismus. Aus dem Erlebten und Gesehenen stellt die Künstlerin
ihr privates Schnappschuss-Archiv zusammen. Sie benutzt das im Medium
der Photographie eingefangene figurative Material als Vorlage für
ihre Kompositionen. Daraus resultiert eine unerwartete Synthese aus
klassischer Malerei und Collage. An dieser Stelle muss das Verständnis
des Collagierens präzisiert werden. Es hat mit dem vertrauten papier
collé nichts zu tun, hier geht es um die partielle Wiederverwendung
und Übernahme fremder Bildkomplexe. Collagiert wird mit dem Blick,
und die Transposition von dem einen Medium in das andere wird mit den
malerischen Mitteln durchgeführt. Die Figuren werden aus ihrem
ursprünglichen Zusammenhang herausgerissen und in eine artifiziell
konstruierte Umgebung hineingepflanzt.
Die Künstlerin verzichtet auf das mimetische Malverfahren, sie
lässt das Ausgangsmaterial Photographie mit seinem dokumentarischen
Charakter verschwinden und bietet anstatt dessen eine beinahe flache
Darstellungsweise mit dem minimalen Eindruck eines Volumens, ohne deutliche
Ausprägung der Gesichtszüge oder Mimik an. Der Rückgriff
auf die repräsentative Realität bleibt möglich, jedoch
sind die Figuren in ihrer Gestik erstarrt und wirken wie Fremdkörper.
Damit enthüllt sich die Intention der Malerin – das Collagieren
wird verwendet, um eine emotionale Ebene aufzuzeigen. Reflektiert wird
die Anonymität, das Unklare, Fremdartige, eine elegisch-melancholische
Stimmung. Mit Adorno gesprochen, werden hier die Wirklichkeitsfragmente
hereingelassen und in ästhetische Wirkung umfunktioniert (Theodor
W. Adorno, »Ästhetische Theorie«, Frankfurt 1972, S.
232).
Diese emotionale Ebene wird durch die Positionierung der Figuren intensiviert.
Sie sind meistens an den Rand des Bildes gerückt („entschwinden“,
„Ich folge dir..“, „zögern“, „ohne
Erlaubnis“, „Geheimnis“ u.a.) und bestimmte Körperteile
werden „amputiert“ („Ich versuch’ es einfach
mal...“, „Geheimnis“, „zögern“, „entschwinden“
u.a.). Damit betonen sie nicht nur die Abwesenheit des Abbild-Charakters,
der idealen Ganzheit, sondern sprengen auch die traditionelle Struktur
der narrativen Malerei.
Als Vertreter der „Außenwelt“, treten die Figuren
in Kontrast zu der Räumlichkeit, die den größten Platz
in den Bildern einnimmt. In vielen Fällen sind die Räumlichkeiten
landschaftliche Szenerien, die auf die bekannten Gegebenheiten reduziert
werden: Himmel, Erde, Luft, Wasser.
Die Räumlichkeiten kennzeichnen sich farblich durch ihre Polychromie.
Allerdings sammeln sich die Farben um eine bevorzugte Farbe, und diese
ist das Weiß. Das Weiß wird von der Künstlerin großzügig
verwendet: Grün, Blau, Rot, Braun, Schwarz werden mit dem Weiß
gemischt. Eine derartige Mischungstechnik lässt die Bildatmosphäre
als ein Lichtgewebe erscheinen („entschwinden“, „daraufzu“,
„zögern“, „allein“, „Geheimnis“
u.a.), das eine gewisse Zerbrechlichkeit und Zartheit, zugleich aber
einen pastellhaften, künstlichen Beigeschmack hat.
Dieser Eindruck verbindet sich mit dem malerischen Gestus der Künstlerin.
Sie verzichtet auf eine Handschrift im energischen Farbauftrag. Die
Pinselstriche sind leicht, zugleich aber sichtbar, zielgerichtet, regelmäßig,
manchmal pastos und reliefartig. An manchen Stellen werden sie verschmiert
und in großflächige Farbaufträge verwandelt, an anderen
Stellen gehen sie in Tupfen, Flecken und Lichtpünktchen über.
Die Pinselstriche werden auch unterschiedlich ausgerichtet: horizontal,
vertikal, kursiv. Somit verschafft die Malerin der Bildatmosphäre
keine Stabilität oder Monumentalität, aber auch keine Beweglichkeit.
Mit der Koloritwahl und Maltechnik entwickelt die Künstlerin eine
fremde, surreale Ebene. Hier zieht sie eine deutliche Trennlinie zwischen
dem Surrealen und dem Surrealistischen. Das Surreale gilt für sie
als ein komplexer Begriff, der auf die Analogien und Differenzen verwandter
Bezeichnungen gerichtet ist: Geträumtes, Imaginiertes, Verrätseltes,
Irritierendes. Dies sind die Bezeichnungen, die die Künstlerin
in ihren Bildern sichtbar oder spürbar macht.
Die eigentliche Leistung der Komposition liegt in der Entfaltung der
Begrifflichkeit von Figur. Einerseits repräsentiert Figur die traditionelle
Bedeutung des Statischen, der fixierten Gestalt. Andererseits entfaltet
sie sich im Prozess der Beweglichkeit: Mit Figur ist immer schon „etwas
Lebend-Bewegtes, Unvollendetes, Spielendes“ bezeichnet (Erich
Auerbach, >Figura<, in: »Gesammelte Aufsätze zur romanischen
Philologie«, Bern/München 1967, S. 55-92). Ins Blickfeld
rückt die Künstlerin ihre transformatorische, inversive, konfigurative
Eigenschaft. In erster Linie gilt es, das Collagieren mit dem Blick
zu erwähnen, was eine fremdmediale Über-Setzung in die Malerei
ermöglicht. Auf der emotionalen Ebene entwickelt die Künstlerin
eine unerwartete Verschiebung: Die Räumlichkeit, die als Fond,
als Hintergrund erscheinen sollte, wird zum Hauptträger der Emotion
und der Stimmung in der Bildatmosphäre. Sie findet keine Verwebung
mit den collagierten und hineingepflanzten Figuren und verschiebt sie
in eine hintergründige Position. Was Figur in den Arbeiten der
Malerin hervorbringt, ist das wichtige Moment des Übergangs, des
Wechsels.
Dalia Klippenstein, Kunsthistorikerin
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